Mike van Summeren: Braucht man heutzutage noch eine Plattenfirma? 0

Mike van Summeren vereint unter dem Dach seiner Mediengruppe „Mike’s Music Media“ Musikproduktionen, Tonstudios, Labels, Vertrieb und Musikverlage. Mike van Summeren (geboren am 03.05.1976 in Gießen / Mittelhessen) betreibt bereits seit 1993 seine Plattenfirma und Tonstudios, er kennt sich seit vielen Jahren im Musikgeschäft aus. Im Bereich der Musikproduktion kann Mike van Summeren nach diesen vielen Jahren bereits über 200 Produktionen, mit seiner Plattenfirma weit über 250 Veröffentlichungen und ein großes Netzwerk an Kontakten vorweisen. Er arbeitet inzwischen auf nationaler Ebene mit großen Namen wie beispielsweise Thomas M. Stein (ehem. Chef Sony BMG / Europa), Kai Soffel (DJKC) und vielen mehr. Aber auch auf internationaler Ebene begleitet er immer mehr erfolgreiche Projekte. Die Anzahl der Airplays seiner Musikproduktionen in den öffentlich-rechtlichen Radios aber auch die mediale Relevanz der von ihm betreuten Künstler und Projekte nimmt stetig zu. Der Sitz seiner Mediengruppe und Plattenfirma ist im schönen Odenwald in Südhessen. Dort bewohnt er sein „Schlösschen – Villa Cesarine” inmitten der Natur. Weitere Einzelheiten zu seiner Person finden sich auf  seiner Facebook-Seite.

Das alles hat ihn zu einem interessanten Gesprächspartner für uns gemacht. Wir von den Schlagerprofis wollten einmal wissen, warum es meist nur Künstlern mit großen Plattenfirmen im Hintergrund gelingt, erfolgreich zu werden, während „Einzelkämpfer“ es enorm schwer haben und der gewünschte Erfolg sich nur selten einstellt:

„Do-It-Yourself-Künstler“ sind bemüht, alles in Eigenregie zu erledigen

„In der Musikbranche wird man den Eindruck nicht los, dass nahezu „jeder“ Künstler oder „jede“ Band inzwischen glaubt, man könne alles selbst erledigen – man könne sich im Musikbusiness aus eigener Kraft etablieren. Durch meine über Jahrzehnte hinweg aufgebaute  Erfahrung kann ich sagen, dass sich dieser Trend immer stärker zeigt. Es gibt immer mehr „DIY-Artists“ (Do-It-Yourself).

So werden eigene Studios gebaut, Labels angemeldet, Websites und Videos werden selbst erstellt, es wird ein eigener Musikverlag gegründet und manchmal gar eine eigene Musikproduktion realisiert. Gleich eines vorweg: Sicherlich mag es den einen oder anderen geben, der aufgrund eines erlernten Know-Hows oder eines gewissen Talents die eine oder andere Aufgabe mehr oder weniger professionell realisiert.

Doch hat es sicherlich einen Grund, weshalb jede dieser einzelnen Tätigkeiten mitunter einen eigenen Ausbildungsberuf oder gar ein Studium voraussetzt, um das jeweils einzelne Gewerk professionell und den geltenden Standards und Anforderungen der Musikindustrie entsprechend umsetzen zu können.

Mike’s Music Media (Germany) vereint Spezialistenwissen unter einem Dach

Ich spreche hier aus Sicht des Musikproduzenten und Inhabers der Mediengruppe Mike’s Music Media (Germany). Wir vereinen in unserem Hause bereits 12 eigene Labels (für unterschiedliche Genres und Themen), einen eigenen Musikverlag mit 3 Editionen, einen eigenen Musikvertrieb, verwalten zahlreiche eigene Marken und Lizenzen, betreuen und vertreiben derzeit über 250 Produktionen und sind mit eigenen Marketing- und Promo-Teams tagtäglich für unsere Künstler im aktiven Artist Development tätig. Daher kann ich durchaus die wahrhaftigen Tätigkeiten einer „Plattenfirma“ profund beurteilen und den Mehrwert der dort geleisteten Tätigkeiten für die betreuten Künstler valide einschätzen.

Youtube – ein wichtiger Bestandteil im Bereich der Online-Vermarktung

Es sind nicht nur die kleinen Dinge – jedoch fängt es dort an: Ein wesentlicher Faktor im Bereich der Online-Vermarktung von Musik ist beispielsweise Youtube. Hier wird das eigene Musikvideo oder auch nur die Musik eines Songs extrem weit und schnell verbreitet – es gibt zwischenzeitlich gar Diskjockeys die ihre Musik von Youtube abspielen bzw. sich dort nach neuer Musik umschauen. Wer dort nicht ist, der hat massive Schwierigkeiten, die Bekanntheit und die Reichweite eines neuen Songs zu erhöhen.

Seit Anfang dieses Jahres hat Youtube die Nutzungsmodalitäten für seine User geändert. So muss ein Kanalbetreiber mindestens 1.000 Follower und mindestens 4.000 Stunden in den vergangenen 12 Monaten aufweisen, um seine Videos monetär auswerten zu können – das sind Größenordnungen, die zahlreiche Newcomer und alleine agierende Musiker bei weitem nicht aufweisen können. Somit ist keine Monetarisierung und kein Claiming auf Youtube mehr möglich, außerdem kann man mit solch kleinen Kanälen auf Youtube nicht live gehen.

Monetarisierung ohne Plattenfirma bei Youtube nur schwer möglich

Eine Plattenfirma hingegen hat hier neben der Möglichkeit dieser zwingend anzuratenden Monetarisierung eine wesentlich größere Reichweite, sichert die Rechte und das Lizenzing der Musik durch Claiming (überall wo der digitale Fingerabdruck der Musik auftaucht, also überall, wo in einem Video diese Musik genutzt wird, erfolgt eine Monetarisierung und somit eine Erhöhung der Einnahmen für Künstler und Urheber) und sorgt durch eine weitaus größere Anzahl an Abonnenten für deutlich höhere Click- und View-Raten.

Auch wird ein Newcomer alleine durch die Algorithmen von Youtube deutlich öfter gefunden und als nächstes Video vorgeschlagen (schaut sich ein Fan eines bekannten Künstlers das Musikvideo im Channel dessen Plattenfirma an, werden dem User anschließend bzw. seitlich schon während dem laufenden Video weitere Videos aus dem Kanal der Plattenfirma eingeblendet, so auch unbekanntere Künstler…). Es ergeben sich alleine hierdurch extrem höhere Reichweiten und ein massiv gesteigerter Verbreitungsgrad.

Ein Künstler kann alleine meist kaum nennenswerte Resonanz und Präsenz erreichen – oftmals selbst durch den Einsatz finanzieller Mittel und beispielsweise dem Sponsern seines neuen Musikvideos nicht.

Releases von bekannten Plattenfirmen werden mehr beachtet als selbst vertriebene Titel

Eine Plattenfirma bzw. wir als Mediengruppe haben zahlreiche Ressourcen, die für den erfolgreichen Aufbau eines Künstlers erforderlich sind. Dabei stellt der finanzielle Aspekt lediglich einen der relevanten Punkte dar. Mitarbeiter, Arbeitszeit, Kontakte, Erfahrung, Bekanntheit und vieles mehr werden benötigt, um ein Produkt erfolgreich im Markt zu platzieren. Die Vielschichtigkeit wird oftmals unterschätzt, genauso wie eine langjährige Beständigkeit in der Branche. So hat beispielsweise eine Veröffentlichung auf einem neuen Label (welches ein unbekannter Künstler bzw. Newcomer selbst gründet) weniger bis gar keine Bekanntheit und die Redaktionen der Medien (sofern ein solcher Künstler diese überhaupt erreicht) beachten eine solche Veröffentlichung erfahrungsgemäß weitaus weniger, als ein Release eines bekannten und etablierten Labels. In Veröffentlichungen bekannter Labels hören die Redakteure und Moderatoren vermehrt hinein, und ein Song hält so viel schneller Einzug in die Medien. Man kennt sich einfach.

Es liegt ja auch ganz klar auf der Hand: Ein unbekannter Künstler muss zunächst seinen eigenen Namen aufbauen. Ein Label (wie der Name schon sagt: Eine MARKE) muss ebenfalls etabliert sein, um erfolgreich am Markt agieren zu können. Gründet nun ein Newcomer ein neues Label, so hat er schon 2 Namen aufzubauen – seinen eigenen und zugleich den seines Labels. Doppelte Arbeit und Mühe, dennoch weniger direkte Effizienz bzw. Rentabilität.

Aufgaben der Plattenfirma: Netzwerk-Arbeit, Booking, Verkopplungen, Abrechnungen

Die originären Grundaufgaben einer Plattenfirma werden von den Mitarbeitern in täglicher Arbeit routiniert umgesetzt. Sicherlich kann ein Künstler dies ebenfalls alles in Eigenregie umsetzen: Telefonate mit Medienpartnern, Bemühung um Bookings und Auftritte (wobei hier primär ein Booking und / oder Management die operative Verantwortung trägt), Erkennen von Vertriebschancen und Trends in der Branche, Promotion der eigenen Musik und Verkopplung der Titel auf Samplern bzw. Compilations der Major-Plattenfirmen, Realisierung des physischen Vertriebs von Tonträgern, Abrechnungen erstellen für die Vertriebspartner und eventuell weitere Beteiligte an der Produktion und vieles mehr…

Künstler sollen sich auf Kernkompetenz beschränken

Doch bin ich persönlich der Ansicht, dass ein Künstler das machen soll, was er leidenschaftlich und von Herzen als Künstler gerne machen wollte: Musik!

Kommt es nicht von Herzen und fehlt die Leidenschaft, dann kann er meines Erachtens gerne operative Verwaltungsarbeiten oder Vertrieb übernehmen. Anders ausgedrückt, ist ein Künstler, der sämtliche administrativen Tätigkeiten eines Labels, Verlags, Vertriebs und / oder Artist Developments wahrnimmt, aus meiner Sicht kein „ehrlicher“, echter bzw. authentischer Künstler. Die Musik kommt durch Verwaltung (sofern er es korrekt macht) definitiv zu kurz. Gesangs- und Choreoproben, Studio-Arbeit, Schreiben neuer Songs und Ausarbeiten von Bühnenprogrammen sind nur einige der Aufgaben, die einen Tagesablauf des Künstlers schon genug füllen. Die eigene Tätigkeit im Bereich Social-media noch nicht mitgerechnet… Auch hier hat ein Künstler konsequent seinen Kontakt zu Fans und Followern auszubauen, was ebenfalls mit einer täglichen Arbeit von erfahrungsgemäß mindestens 1 Stunde pro Tag zu Buche schlägt. Hier kommen noch andere Tätigkeiten wie beispielsweise Interviews hinzu, die er selbstverständlich ebenfalls persönlich erledigen muss.

Für alles andere sind starke und zuverlässige Partner da, die aufgrund ihrer Erfahrung, der Kontakte und letztendlich auch Fach- und Branchenkenntnis mit wesentlich effizienterer Arbeitsweise gemeinsamen Erfolg generieren können. Ich wäre als Künstler froh und beruhigt wenn ich wüsste, dass im Hintergrund Mitarbeiter einer Mediengruppe oder einer Plattenfirma für mich tagtäglich arbeiten.

Wenn ich dennoch Lust und Laune habe, meine Ressourcen es zulassen und ich mich der Sache gewachsen fühle, so kann ich als Künstler sicherlich zusätzlich in diesen Themen versuchen. Dies steigert mitunter die Ergebnisse und der Aufbau des Projekts schreitet zügiger voran.

Marketing ist wichtig, um VERKAUF zu steigern

Ein für mich immer wieder vor Augen geführtes Dogma aus der Ökonomie: Ein Unternehmen lebt nicht von dem was es produziert, sondern nur von dem, was es verkauft. Dem zufolge  beginnt die Arbeit erst nach der Fertigstellung einer Musikproduktion – sodann startet die Vermarktung und der AKTIVE Vertrieb. Doch genau in diesem Moment muss ein Künstler sich um Bookings, Auftritte, seine Fans und den Aufbau seines Bühnenprogramms kümmern. Und keineswegs um die Vermarktung seiner Songs, das Kontakten mit anderen Labels oder der Direktkontakt zur Akquise mit Medien.

Professionelle Wahrnehmung leidet bei eigener Vermarktung

Ferner leidet bei einem Direktkontakt des Künstlers mit Medien zumeist die professionelle Wahrnehmung, so meine Erfahrung. Profis werden von Profis vermarktet. Laien rufen selbst beim Radio an… Ein Beispiel für die aus meiner Sicht „inflationäre Entwicklung“ alleine im Bereich der Labels:

Die GVL Berlin hatte in den Jahren 1959 bis 2009 insgesamt ca. 15.000 Labelanmeldungen zu verzeichnen. Doch in den letzten 10 Jahren sind jedoch ca. 60.000 neue Labels hinzugekommen! Nur um diese beeindruckenden Zahlen nochmals zu verdeutlichen: In den ersten 50 Jahren des Bestehens der GVL gab es ca. 15.000 Labelanmeldungen – in den darauffolgenden 10 Jahren ca. 60.000 weitere zusätzliche Anmeldungen!

Es bedeutet demnach wenig bis gar nichts mehr, ein eigenes Label zu haben, einen Labelcode zu erwirken und darüber eigene Musik zu vermarkten. Denn wie es bei inflationärer Nutzung von Dingen jedweder Art ist: Wenn es zu viel Angebot gibt, dann ist es nichts mehr wert. Es hat weniger Nutzen. Sicherlich ist durch die Erlangung eines Labelcodes die rein technische Möglichkeit der Vermarktung von Musik gegeben, doch ist es dann noch immer kein Label (siehe hier meine vorherigen Ausführungen).

Natürlich ist die Selbstvermarktung eigener Musik via Contentaggregatoren im Internet möglich, doch wird ein solcher „Vertrieb“ nicht die von mir zuvor auszugsweise aufgeführten Tätigkeiten wahrnehmen. Es ist kein AKTIVER Vertrieb, es ist aus meiner Sicht lediglich eine „Zugänglichmachung“ von Musik im Handel. Nachfrage und echter Umsatz jedoch entsteht auf anderen Wegen.

Weitere Aspekte der administrativen Regulatorik und dennoch grundlegend verpflichtenden Tätigkeiten sind:

  • Pflichtabgaben von mind. 2 Belegexemplaren bei der Herstellung von Tonträgern an die Deutsche Nationalbibliothek (bei Nichtdurchführung kann eine Strafe bis zu 10.000 Euro auferlegt werden)
  • Eintragung der Produktionen im internationalen Musikarchiv / Wiki „Discogs“
  • branchenübliche und rechtskonforme Meldungen bei GEMA und GVL
  • Erfüllung und Überwachung der technischer Anforderungen der Audio, Video oder Grafik-Produktionen
  • und vieles mehr…

Verständlicherweise ist ob meiner Position und beruflichen Tätigkeit die Perspektive auf diese komplexe und sicherlich auch brisante Thematik etwas eingefärbt. Doch pflege ich stets zu sagen, dass es mir persönlich keineswegs in den Sinn kommt, ein eigenes Auto zu bauen, bloß weil ich mit Werkzeug umgehen kann und im Besitz einer gültigen Fahrerlaubnis bin…

Es bleibt also nach wie vor zu konstatieren: Je größer, erfahrener und stärker ausgewählte Partner eines Künstlers sind (so auch das Label, die Plattenfirma, der Musikverlag, der Promoter), um so schneller wird er bekannt und es steigt die Chance einer professionellen Karriere proportional.

Auch der Branchen-Kenner und geschätzter Kollege Julian Angel (MusicBiz Madness Konferenz) hat bereits einen ähnlichen Artikel zu diesem Thema ausgeführt:

http://www.musiker-online.com/es-geht-auch-ohne-plattenfirma-aber-nicht-ohne-deren-arbeit/

Vielen Dank an Mike van Summeren für das Interview und die klaren Worte.

Weitere Infos über ihn und seine Mediengruppe finden Sie unter:
www.mikes-music.de

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IKKE HÜFTGOLD macht aus SARAH CONNORs „Vincent“ eine „Partyversion“ – wirklich mit dessen Einverständnis? 0

+++zuerst bei Schlagerprofis.de+++Recherchieren statt Kopieren+++zuerst bei Schlagerprofis.de+++

Als IKKE HÜFTGOLD 2014 auf HELENE FISCHERs Lied „Atemlos durch die Nacht “ seine Jux-Version „Hackevoll durch die Nacht“ machte und damit innerhalb kürzester Zeit 600.000 (oder mehr?) Klicks generieren konnte, fand Helene (bzw. ihr Management) das – wenn man Ikkes Facebookseite Glauben schenken darf – wohl nicht wirklich lustig. Einfach ein Lied ohne Einverständnis der Songautoren umzutexten und das zu veröffentlichen, ist nämlich – zumindest ist das unser Kenntnisstand – nicht ohne weiteres möglich, wobei für Ikke wohl der Spruch galt: „Ikke darf das“ (dachte er).

Als wir nun ein brandneues Jux-Video zu „Vincent“ präsentiert bekamen, nahmen wir an, dass auch das womöglich Ärger geben könnte, weil Ikke erneut den Text verändert hat. Die ELCHOs haben bekanntlich auch eine Partyversion aufgenommen, sich dabei aber streng an die Originalversion gehalten, so dass Sarah Connor bzw. die Songautoren dagegen nichts unternehmen konnten.

Wenn man nun aber das HIER aufrufbare Video ansieht, wird folgender Text als Kommentar kolportiert: „Der Song soll keinesfalls die Massage vom Original song sein sondern eher eine Alternative sein zu dem Original wenn man Feiern geht. Was viele nicht wissen Sarah Conner und ihr label haben das OK gegeben um diesen song zu Produzieren und zu veröffentlichen.“

Das heißt, SARAH CONNOR (mit „o“) hat tatsächlich ihr Placet gegeben? Das  würde uns zwar wundern – aber wenn es so ist, hätte Ikke hier womöglich einen geschickten Schachzug gewählt, um den Titel partytauglich zu machen. Wir sind gespannt, wie es mit Ikkes Version vom „Vincent“ weitergeht…

Foto: Stephan Imming

KATJA EBSTEIN: Vor genau 50 Jahren siegte sie beim deutschen Vorentscheid mit „Wunder gibt es immer wieder“ 0

ESC 1970

Genau wie heutzutage gab es auch vor 50 Jahren eine auf 45 Minuten angesetzte deutsche Vorentscheidung zur Eurovision. Damals wurde die aber an einem Montagabend um 21 Uhr im ERSTEN ausgestrahlt – und zwar LIVE. Name der von Marie-Louise Steinbauer moderierten Veranstaltung: „Ein Lied für Amsterdam“ – lediglich der Ort ist anno 2020 ein anderer – heutzutage heißt es ja: „Ein Lied für Rotterdam“.

Während es vor 50 Jahren ganz normal war, mit Live-Orchester unter sechs Interpreten ein Lied auszuwählen, ist das heute offensichtlich undenkbar. Schwachsinnige Argumente wie, das sei technisch zu aufwändig, machen immer wieder die Runde. Wie dem auch sei, werfen wir mal einen Blick auf den damaligen Modus.

Damals wurden die 30 erfolgreichsten Komponisten, die 15 erfolgreichsten Textdichter und die 15 erfolgreichsten Verleger aufgefordert, Lieder für den Grand Prix einzureichen. Dabei kamen insgessamt 50 Lieder zustande, von denen sechs von einer Jury für den TV-Vorentscheid ausgewählt wurden. Diese Jury bestand aus vier Songautoren (, die nicht am Wettbewerb beteiligt waren), aus zwei Vertretern der Schallplattenindustrie und schließlich vier Chefs aus ARD-Unterhaltungsabteilungen.

Ein ARD-Gremium hat ebenfalls die Interpreten bestimmt. Dabei gab es der Legende zufolge einige Kuriositäten: Die Sängerin MANUELA wäre z. B. angeblich bereit gewesen, für Deutschland anzutreten. Der Chef des damals zuständigen Hessischen Rundfunks, Hans-Otto Grünefeldt, soll sich dem verschlossen haben – merkwürdiges Argument: Manuela sei kein internationaler Star, aber auch keine Nachwuchssängerin. (Grünefeldt selbst war lange Zeit bei der Punktevergabe anno 1970 im Bild, um quasi als „Schiedsrichter“ die Abgabe der Jurypunkte zu überwachen).  Andere Quellen sagen (bezogen auf Manuela) aus, Manuela habe nach Ansicht der „Experten“ die Qualität für eine Teilnahme nicht gehabt.

Die Berliner Zeitung hat sich im Januar 1970 da recht deutlich geäußert. Der Journalist Elmar Kraushaar zitiert einen entsprechenden Artikel in seinem 1983 erschienenen Buch „Rote Lippen“, der hoch interessant ist:


So wurden dann andere Interpreten ausgesucht – hier die Songs in der Reihenfolge des damaligen Auftritts:

1. MARY ROOS – „Bei jedem Kuss“ – entsandt von Phonogram

Schon 1970 war Mary Roos Eurovisions-affin und sang den von Delle Hensch und Frank Bohlen (- das war das Pseudonym von Delle Haenschs Frau Marion) geschriebenen Song „Bei jedem Kuss“. Sie sprang für die kurzfristig ausgefallene (erkrankte) Edina Pop ein und belegte mit „ihrem“ (na ja, eigentlich war es ja für Frau Pop)  psychedelisch angehauchten Lied einen guten 2. Platz. Viele Fans schwärmen noch heute von Marys damaligen Outfit (O-Ton: „FDP-Topflappen“, „Raumschiff-Orion-Eyeliner“, „No-Go-Kombi, die nur Stiefmütterchen gut steht“). – Spannend: Der Titel ist nach unserer Kenntnis nie auf einem Tonträger erschienen (LEIDER!) – vermutlich, weil er eigentlich für EDINA POP vorgesehen war, die ja – anders als Mary – bei Phonogram unter Vertrag stand.

2. ROBERTO BLANCO – „Auf dem Kurfürstendamm sagt man ‚Liebe'“ – entsandt von CBS

Roberto Blanco hatte kurz or dem Vorentscheid das deutsche Schlagerfestival 1969 mit seinem Hit „Heute so – morgen so“ gewonnen. Er trat mit einem von Henry Mayer und Georg Buschor geschriebenen Titel an. Henry Mayer hat kurz zuvor mit „Summer Wind“ einen Welthit für Frank Sinatra komponiert. Untypisch für Roberto, war das kein Stimmungslied, sondern ein typischer Eurovisions-Schlager, der quasi das internationale „Wörterbuch der Liebe“ aufblätterte und damit klar auf die internationalen Jurys schielte. Letztlich wurde der Titel aber leider kein Erfolg.

3. KIRSTI – „Pierre, der Clochard“ – entsandt von TELEFUNKEN

Prominent war der Autor des dritten Titels, den kein geringerer als DRAFI DEUTSCHER geschrieben hatte. Als Interpretin wurde die festivalerfahrene KIRSTI SPARBOE engagiert, die zuvor schon 3-mal (1965, 1967 uind 1969) für ihr Heimatland Norwegen bei der Eurovision teilnahm. Obwohl Norwegerin, rollte sie herzzerreißend das „r“ und sang ihr Lied über den unter der Brücke schlafenden Clochard Pierre. Leider schaffte Kirsti es knapp nicht ins Finale und wurde Vierte der Vorentscheidung. Der Titel erschien dann als B-Seite der Nummer „Es ist alles gut“; mit der Kistis in der ZDF-Hitparade auftreten würde. Einen Superhit wie „Ein Student aus Uppsala“ sollte sie allerdings nicht mehr erreichen.Übrigens später wurde dem TItel angesichts der Zeilen „Pierre der Clochard wird zufrieden sein, ihm gehören ja alle Brücken der Seine. Pierre, Pierre der Clochard, ich fand ihn wunderbar.“ dem Titel die Verharmlosung der Obdachlosigkeit vorgeworfen – na, man kann es auch übertreiben!

Übrigens – MANUELA war damals bei Telefunken unter Vertrag. Sehr gut denkbar ist, dass Drafi Deutscher das Lied eigentlich für MANUELA geschrieben haben könnte, zumal Drafi und Manuela ja schon zuvor miteinander kooperiert haben und sogar im Duett zusammen gesungen haben. Das spricht für den B.Z.-Artikel von 1970, den wir oben zitiert haben.

4. PETER BEIL – Blaue Augen, rote Lippen und kastanienbraunes Haar – entsandt von RCA

Zunächst mal muss hier die Eurovisions-Historie etwas korrigiert werden: Mehrere Originalquellen belegen klar, dass dieser(!) Titel eigentlich von JOSEF LAUFER gesungen werden sollte, der hat aber wohl in letzter Sekunde seine Teilnahme zurückgezogen (in vielen Quellen wird behauptet, Laufer habe den Blanco-Titel nicht singen wollen, die damaligen TV-Ankündigungen sagen aber klar etwas anderes aus). Ursprünglich soll DAVID ALEXANDRE WINTER als Interpret des Liedes vorgesehen gewesen sein, der dann aber lieber für Luxemburg ins Rennen gehen wolte. – Anders als „Der Blitz schlug ein“, mit dem Peter Beil wenige Tage später bei der ZDF-Hitparade aufgetreten ist, konnte Peter mit dem von HORST ACKERMANN und HERIBERT THUSEK geschriebenen Titel buchstäblich nicht punkten – mit null Jurypunkten landete Peter auf dem letzten Platz der Vorentscheidung 1970 und war damit ähnlich „erfolgreich“ wie mit seinen ersten Anläufen 1962 und 1965, als er es z. B. mit dem Lied „Nur aus Liebe“ probiert hatte.

Investigativ wie wir sind, haben wir erstmals ermitteln können, woran Peter Beil gescheitert sein könnte: Beim Live-Auftritt (ja, damals war es technisch möglich, live zu singen), sang er anfangs zweimal von kastanienrotem Haar. Erst später schwankte er zu kastanienBRAUNEM Haar um. Wobei er ja recht kurzfristig den TItel statt Josef Laufer gesungen hat – wie erwähnt.

5. KATJA EBSTEIN – Wunder gibt es immer wieder – entsandt von Liberty

KATJA EBSTEIN ging eher als Underdog ins Rennen 1970 – aber sie hatte einen bombastisch guten Titel im Gepäck, den ihr ihr damaliger Lebensgefähre CHRISTIAN BRUHN auf den sehr attraktiven Leib schrieb: „Wunder gibt es immer wieder“ ist bis heute ein Evergreen. Bruhn wurde damals hellhörig, als ihn sein Freund und Textdichterkollege Günter Loose mit der Empfehlung anrief, den Song „Wunder gibt es immer wieder“ für den Wettbewerb ins Auge zu fassen. Ordentlich, wie Komponist Bruhn Zeit Lebens war, griff er in den Ordner „U-Z“ und fing kurz vor Abgabeschluss an zu komponieren.

Zitat Christian Bruhn: „Gewaltig sollte es beginnen, dann ins rhythm-&-blues-hafte übergehen, und erst, nachdem sich die Spannung ins schier Unerträgliche gesteigert hatte, erst dann sollte Sängerin Katja Ebstein auftreten und mit dem Vers anheben. Eine Komposition mit Dramaturgie und Fernsehmaß also. Und wundersam flossen mir die Noten in die Feder. ‚Keep it simple, keep it sexy, keep it sad‘, wie der Amerikaner so sagt.“

Die Rechnung ging auf – Katja Ebstein erreichte am 21.03.1970, nur zwei Tage nach der Ausstrahlung ihrer TV-Show, einen sehr guten 3. Platz mit ihrem Lied und erreichte damit den größten Erfolg, den Deutschland bis zu diesem Zeitpunkt erreicht hatte beim immerhin schon 15. Grand Prix.

Der Erfolg kam nicht von ungefähr – selbst Musikwissenschaftler beschäftigten sich mit der beeindruckenden Komposition Christian Bruhns. So ist im Buch „Schlager in Deutschland“ zu lesen: „Nicht zu übersehen ist schließlich bei einer Untersuchung der melodischen Gestaltung von Schlagern die Tendenz zur Bildung von Melismen. Sie sind vor allem in Liedern langsameren Tempos mit leicht pathetischer Wirkung zu beobachten. Die nachfolgenden Beispiele stammen aus den Schlagern ‚Wunder gibt es immer wieder…‘ „ – Das Wort Melisma erklärt sich laut Christian Bruhn wie folgt: Wenn auf eine Silbe mehrere Noten gesungen werden „ …viele Menschen fra-ha-gen“.)

Aber damit nicht genug. Auch den Aufbau des Liedschemas nimmt der Autor unter die Lupe: „Eine andere Möglichkeit der Dehnung und asymetrischen Gestaltung bei gleichzeitiger Geradtaktigkeit zeigt der Refrain des deutschen Beitrags zum Grand Prix 1970. Hier setzt sich der zehntaktige sequenzgeprägte Refrain aus einem viertaktigen Vordersatz und einem sechstaktigen Nachsatz zusammen. Die Ausweitung der Periode wird durch Dehnung im siebenten und zehnten Takt erreicht. Auffällig ist auch der Wechsel von volltaktiger zu auftaktiger Bewegung im achten Takt.

Nicht umsonst wurde aus diesem ersten riesengroßen Ebstein-Hit ein Evergreen, der gerne auch von Guildo Horn kraftvoll interpretiert wird – er ist anspruchsvoll komponiert und hat einen stimmigen Text. „Schlager“ wie diese zeigen, dass auch ein großer Hit durchaus mal anspruchsvoll komponiert sein kann. Damit hatte Katja national wie international den Durchbruch geschafft, ihr Eurovisionslied wurde in sechs weiteren Sprachen veröffentlicht (deutsch, englisch, französisch, italienisch, spanisch, portugiesisch und sogar japanisch).

6. Reiner Schöne – Allein unter Millionen – entsandt von Ariola

Mit Reiner Schöne schickte Ariola einen Sänger ins Rennen, der weniger als Schlagersänger und dafür mehr als Liedermacher und Schauspieler (u. a. in Musicals wie „Hair“ und „Jesus Christ Superstar“) auf sich aufmerksam machte. Schöne siedelte zwei Jahre zuvor aus der DDR in die Bundesrepublik. Sein Lied „Allein unter Millionen“ beschäftigte sich mit der Einsamkeit in der Großstadt – das kam bei der Jury an, so dass er zusammen mit MARY ROOS und KATJA EBSTEIN in die zweite Runde kam. Obwohl er somit recht erfolgreich war, wurde auch diese Nummer kurioserweise nie auf Tonträger veröffentlicht.

Wie „stark“ (bzw. eben gering) das Intersse der Plattenfirmen damals an der Eurovision war, zeigt sich u. a. darin, dass Firmen wie die Deutsche Grammophon und Electrola gar keinen Titel ins Rennen schickten.

Das damalige Wertungssystem sah vor, dass eine 7-köpfige Jury in zwei Runden über Wohl und Wehe der sechs Titel entscheiden sollten. In der ersten Runde konnte jedes Jurymitglied drei Punkte vergeben. Die ersten 3 daraus ermittelten Titel wurden dann noch mal präsentiert (kurioserweise in genau den gleichen Kameraeinstellungen mit der gleichen Mimik) – und dann durfte jedes Jurymitglied je einen Punkt für den favorisierten Titel abgeben.

Die Jury bestand aus folgenden Mitgliedern:

– Hanns Verres (Moderator) – das war der spätere deutsche Kommentator (1971 bis 1973) des Grand Prix Eurovision,
– Harald Schäfer (TV-Regisseur)
– Lotti Ohnesorge (TV-Moderatorin) – auch sie sollte später (1987) den Grand Prix für Deutschland einmal kommentieren (damals mit Chrisoph Deumling)
– Claudia Eder (Opernsängerin)
– Hannes Hoff (Unterhaltungschef des WDR, Köln)
– Horst Wernstedt (NDR-Redakteur, Hamburg)
– Wolfgang Penk (SWF-Redakteur, Baden-Baden) – später ZDF-Unterhaltungschef mit großem Einfluss.

Im zweiten Wahlgang hatten die sieben Jury-Mitglieder je eine Stimme und entschieden sich einstimmig(!) für KATJA EBSTEIN. Heute kaum vorstellbar – damals war es so: Nach Bekanntgabe des Ergebnisses musste Moderatorin Marie-Louise Steinbauer das Publikum bitten, zu applaudieren(!). Danach wurde LIVE musiziert – und zwar bärenstark. Die musikalische Leitung hatte damals Willy Berking inne, als Chor fungierte der Günter-Kallmann Chor. Die Qualität dieser Namen war dann auch deutlich zu hören.

Interessant sind die Worte, die Hans-Otto Grünefeldt in Bezug auf das Wertungsverfahren fand – wir zitieren wörtlich:

Diese zwei Damen und fünf Herren (gemeint: die Jury, Anm. der Redaktion), die sich auf dem Schlagermarkt auskennen, die auch den Grand Prix Eurovision genau kennen, haben sich verpflichtet, nach bestem Wissen und Gewissen das Lied für Amsterdam auszuwählen. Es geht nicht darum, meine Damen und Herren, ein Lied herauszufinden, das etwa kommerziell die größten Chance hätte oder das besondere Qualitäten speziell für den deutschen Markt hätte.

Es geht darum, das Lied auszuwählen, das auf diesem internationalen Festival, diesem speziellen GP Eurovision, für die ARD bestehen kann. Die Komponisten, die sich hier im Wettbewerb befinden, können versichert sein, dass jedes Jurymitglied in völliger Unabhängigkeit seine Entscheidung treffen kann und wird. Alle Prognosen, alle Spekulationen, die in den letzten Tagen erschienen sind, sind ohne jede Bedeutung für diese Jury.

Mit ihrem Sieg schaffte die bis dahin unbekannte KATJA EBSTEIN ihren großen Durchbruch. Erstmals in der Eurovisions-Historie schaffte es ein deutscher Beitrag aufs „Treppchen“ unter die ersten Drei (, wobei die genauen Platzierungen beim ersten Grand Prix 1956 bis heute nicht bekannt sind und wohl auch nicht mehr ermittelbar sind). Katja schnitt damals sogar besser ab als JULIO IGLESIAS. – Mit einem Sieg hatte Katja, die eigentlcih der Liedermacherszene entstammte, damals wohl nicht wirklich gerechnet. Das erkennt man schon daran, dass sie eigentlich gar nicht lächelte – nicht mal, nachdem sie den SIeg davon getragen hatte. Aber anders als die Andreas Kümmerts dieser Welt hat sie sich dem Wettbewerb gestellt und brutal gut abgeschnitten.

An das 50-jährige Jubiläum hat heute schon der Sender WDR4 erinnert – dem Link können einige interessante O-Töne entnommen werden.