Udo Jürgens Schlager

JOHN JÜRGENS im Interview über Triumph, Zweifel und das Erbe seines Vaters UDO JÜRGENS

JOHN JÜRGENS: 60 Jahre „Merci Chérie“ von UDO JÜRGENS Triumph, Vermächtnis und offene Fragen

Sechs Jahrzehnte nach dem Grand-Prix-Sieg spricht JOHN JÜRGENS über den legendären Moment seines Vaters, persönliche Erinnerungen und die Verantwortung, ein einzigartiges musikalisches Erbe in die Zukunft zu führen.

Als UDO JÜRGENS 1966 mit „Merci Chérie“ den Grand Prix gewann, schrieb er Musikgeschichte – und legte den Grundstein für eine internationale Karriere, die bis heute nachwirkt. Für seinen Sohn JOHN JÜRGENS ist dieser Moment nicht nur Teil eines kollektiven Gedächtnisses, sondern auch ein sehr persönliches Kapitel Familiengeschichte. Im Interview blickt er auf die Entstehung eines Welthits, die emotionale Dimension dieses Erfolgs und die Entwicklung eines Künstlers, der weit über den Wettbewerb hinausgewachsen ist.

Gleichzeitig geht es um mehr als nur Erinnerungen: Mit jeder neuen Veröffentlichung, jeder Neuinterpretation und jeder Entscheidung rund um den Nachlass stellt sich die Frage, wie das Werk von UDO JÜRGENS heute bewahrt und weitergedacht werden soll. Dabei rückt auch eine sensible Dimension in den Fokus – nämlich, wer langfristig über dieses künstlerische Erbe bestimmt. Ob es im Sinne des verstorbenen Künstlers gewesen wäre, dass eines Tages auch die „übernächste“ Generation der Familie über die Verwertung des Lebenswerks maßgeblich darüber entscheidet, bleibt offen.

Aktuell wird am 8. Mai eine Vinyl-LP mit verschiedenen Versionen von „Merci Chérie“ veröffentlicht. Erfreulich finden wir, dass parallel viele internationale Versionen von UDO-Songs auf Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch veröffentlicht werden – ein schöner Ansatz, der vielleicht auch einen physischen Tonträger (CD-Set) verdient hätte. Aber immerhin tut sich was, das muss man auch mal loben…

GENERIC INTERVIEW

60 Jahre „Merci Chérie“

Interview mit John Jürgens anlässlich der VÖ „60 Jahre Merci Chérie“


John, Ihr Vater Udo Jürgens gewann mit dem Lied „Merci Chérie“ vor 60 Jahren den Grand Prix. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Lied?

Erinnerungen setzen sich ja oft aus Erzählungen und Bildern zusammen – besonders aus der Zeit, als man selbst zu klein war. Meine Mutter erzählte mir, dass sie mich als Zweijährigen auf dem Schoß hatte, während sie die Show im Fernsehen sah. Später wurde diese Szene auch in seinem Buch „Der Mann mit dem Fagott“ und im zugehörigen Film thematisiert. Durch diese Beschreibung und die Filmsequenz setzt sich das Bild im Kopf schließlich wie ein Mosaik zusammen.

Das 60. Jubiläum von „Merci Chérie“ feiern Sie mit einer Picture Disc. Wie kam es zu der Idee?

Wir haben die Entscheidung als Team getroffen. Mit der Picture Disc wollten wir ein besonderes Highlight für die Fans schaffen; durch das Design mit den Fotos von Hansi Hoffmann wird die Single so zu einem echten Sammlerstück, das die Musik meines Vaters auch optisch würdigt. Ich finde das Foto großartig, auf dem er am Klavier sitzt, und man im Hintergrund die Punkteliste sieht.

In einer Zeit, in der fast nur noch gestreamt wird, wollten wir den Fans – gerade unserer Generation – wieder etwas Reales zum Anfassen geben. Klar, die Idee einer Foto-Vinyl ist nicht neu, aber man muss sie eben konsequent und hochwertig umsetzen. Zu unserem Team gehören PR-Spezialisten und Profis der Plattenfirma, aber natürlich auch wir, die Familie. Wir tauschen uns dabei sogar mit der nächsten Generation aus – unsere Kinder sind ja inzwischen Mitte zwanzig. Besonders unser Sohn Dennis bringt sich hier aktiv ein. Uns ist dieser generationsübergreifende Blick wichtig, um das Erbe meines Vaters zeitgemäß und lebendig zu halten.

Wie hat Ihr Vater diesen magischen ESC-Abend empfunden? War es für ihn im Rückblick der schönste Moment seines Lebens?

Mein Vater sagte immer: Auf die Frage nach dem größten Moment seines Lebens hätte er wohl antworten müssen: „Die Geburt meines ersten Kindes, meines Sohnes John.“ Das ist natürlich ein Riesenmoment und ein unvergleichliches Gefühl, das ich als dreifacher Vater absolut verstehe. Doch dieser spezifische Glücksrausch, als er im dritten Anlauf mit „Merci Chérie“ den Grand Prix in Luxemburg gewann – diesen Zustand beschrieb er als etwas ganz Eigenes, fast Unvorstellbares. Nichts reichte jemals an das Gefühl heran, das er in diesem Moment auf der Bühne empfand.

Er hat hart für diesen Sieg gekämpft. Stimmt es, dass Ihr Vater gar nicht mehr antreten wollte, weil er nicht mehr an seinen Erfolg glaubte?

Ja, nach zwei Anläufen war er eigentlich entmutigt. Es war sein Manager Hans Beierlein, der ihn massiv zur dritten Teilnahme drängte. Erschwerend kam hinzu, dass ab 1966 neue Regeln galten: Jeder Teilnehmer musste zwingend in seiner Landessprache singen. Udo empfand Deutsch oft als sperrig für internationale Hits – eine Sorge, die er schon bei seinen Vorjahresbeiträgen hatte. Seine Lieder „Warum nur, warum” (1964) und „Sag ihr, ich lass sie grüßen” (1965) belegten zwar Platz 6 und Platz 4, doch erst die englische Cover-Version „Walk Away“ von „Warum nur, warum“ wurde ein Welterfolg – und verschaffte ihm die finanzielle und künstlerische Freiheit, seine Zweifel zu überwinden und trotz der neuen Regeln ein drittes Mal anzutreten.

Hatte Ihr Vater Angst um seine Karriere, falls er beim dritten Mal nicht gewinnen würde?

Absolut. Er fragte sich: Schade ich meinem Ruf, wenn ich noch einmal antrete und vielleicht nur auf Platz acht lande? Das hätte das Ende seiner Karriere bedeuten können. Um dieses Risiko zu minimieren, suchte er nach einem internationalen Aufhänger. Obwohl er laut Regel auf Deutsch singen musste, wollte er einen Titel, der schön klingt und den jeder versteht – so wie man in der Schweiz das Wort „Merci“ verwendet. Seinem Texter Tommi Hörbiger fiel schließlich das entscheidende Wort „Chérie“ ein. Damit war die Idee zu „Merci Chérie“ geboren. Wenn zwei Kreative auf diese Weise zusammenfinden, entsteht manchmal etwas Unsterbliches.

Stimmt die Geschichte, dass Ihr Vater kaum glauben konnte, an diesem legendären Abend mit „Merci Chérie“ gewonnen zu haben?

Ja, er hielt die Anspannung während der Punkteverkündung einfach nicht aus. Nach zwei Anläufen ohne Sieg konnte er es nicht ertragen, womöglich wieder zu verlieren. Er verließ den Saal und wartete auf dem Gang – er wollte nichts hören und nichts wissen. Sein Fotograf Hansi Hoffmann lief unentwegt zwischen Saal und Gang hin und her und rief ihm zu: „Udo, du liegst vorne! Dein Vorsprung ist uneinholbar!“

Doch mein Vater blockte ab: „Ich will es nicht hören, sag es nicht!“ Erst als Hansi endgültig verkündete: „Du hast gewonnen!“, kam er zurück. Selbst als er unter Glückwünschen wieder am Klavier saß, um den Siegertitel erneut zu spielen, konnte er diesen Moment noch gar nicht fassen.“ Und genau da kam ihm dieser spontane Geistesblitz: Statt nur den Songtext zu singen, schloss er das Lied mit der genialen Zeile ‚Merci, Merci, Merci, Jury‘ ab. Das war seine ganz persönliche und spontane Verbeugung vor diesem Sieg.

Der Sieg beim Grand Prix war ja erst der Anfang. Udo schaffte damit den internationalen Durchbruch…

Richtig. Von heute auf morgen war er damit ein Super-Star. Mein Vater tourte durch ganz Europa und später sogar bis nach Japan. Das Besondere war: Er hat seine Hits in unzähligen Sprachen – von Französisch über Spanisch bis hin zu Japanisch – selbst eingesungen. Japanisch war eine besondere Herausforderung, aber er lernte diese Texte im Studio rein phonetisch anhand von Lautschrift. In seinem Nachlass habe ich über die Jahre in unzähligen Kisten wahre Schätze entdeckt, darunter die Aufnahme einer japanischen Künstlerin, „Mariko“. Sie coverte seinen Erfolgs-Hit ‚Was ich dir sagen will‘, was dort unter dem Titel ‚Wakage no Asa‘ ebenfalls ein riesiger Hit wurde. Es ist faszinierend zu sehen, wie weit seine Musik damals schon gereist ist.

Welche Musik haben Sie früher gehört?

In meiner Jugend habe ich eher Led Zeppelin und Pink Floyd gehört. Natürlich lief zwischendurch auch mal ‚Griechischer Wein‘, was für mich als Kind aber eher ein Schunkellied war. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich die wahre Bedeutung begriffen habe. Heute bin ich unheimlich stolz darauf, dass mein Vater darin die Geschichte der Gastarbeiter erzählt und für ihre Akzeptanz gekämpft hat – für Menschen, die dieses Land mit aufgebaut haben, während sie oft verhöhnt oder weggewünscht wurden.

Welches ist Ihre Lieblingsversion auf der Single?

Als DJ feiere ich natürlich die Disco-Version, aber auch das Original bleibt ein Klassiker. Wobei es am Ende gar nicht so sehr auf die spezielle Version ankommt – das ganze Lied ist einfach unfassbar genial. Es gibt da eine Live-Aufnahme, die geht dermaßen ab: Er fängt ganz ruhig an, und plötzlich verwandelt sich das Ganze in eine Art Gospel-Disco-Nummer. Das Tempo zieht total an, alle tanzen und er peitscht das Publikum so richtig auf. Diese Energie von den Leuten ist einfach Wahnsinn, das finde ich absolut mega.

Spüren Sie bei Ihren Auftritten als DJ eigentlich einen gewissen Druck, als Sohn von Udo Jürgens ständig seine Hits spielen zu müssen?

Eigentlich gar nicht. Ich darf demnächst in Wien im Rahmen des Eurovision Song Contest auf dem Rathausplatz vor 15.000 Leuten auflegen. Tatsächlich dachte ich anfangs, der Veranstalter erwartet von mir, dass ich als Sohn von Udo Jürgens den ganzen Abend nur seine Songs spiele. Aber die Antwort war total entspannt: „Nein, um Gottes Willen! Mach dein Ding, spiel deinen Funk, Soul und House – sei einfach du selbst.“ Das hat mich echt gefreut. Trotzdem werde ich natürlich in diesem ‘Udo-Jahr`, den einen oder anderen seiner Klassiker einbauen, denn so eine Disco-Version von ‚Merci Chérie‘ ist in so einem Set einfach der absolute Knaller. Ich bin sicher, dass die Leute da richtig abgehen (lacht).

Der ESC kehrt zum 70. Jubiläum nach Österreich zurück. Sind Sie und Jenny involviert, vielleicht sogar für eine Hommage an Ihren Vater?

Um ehrlich zu sein: In die Hauptshow sind wir nicht eingebunden. Wir sind eher Teil des Rahmenprogramms, etwa als Gäste bei Barbara Schönebergers Pre-Shows. Dort geht es spielerisch um 70 Jahre ESC, wobei Tickets für das Finale verlost werden. Bisher war es so, dass wir noch nie offiziell zum ESC eingeladen wurden. Das lag sicherlich auch daran, dass es für uns als Kinder keinen direkten Anlass oder Bezug dazu gab. Umso schöner ist es, dass sich das in diesem besonderen Jubiläumsjahr offenbar ändert: In diesem Jahr sind wir erstmals zum ESC- Finale als Zuschauer eingeladen. Gleichzeitig sind wir im Rahmen des Jubiläumsjahres auch bei mehreren TV-Sendern zu Gast.

Gab es bei Ihnen zuhause die Tradition, den ESC gemeinsam zu verfolgen?

Nur hin und wieder. Ehrlich gesagt fiel es uns oft schwer, mit der Musik mitzugehen. Ich bin durch meinen Vater musikalisch anders geprägt worden; die Platten, die er mir als Kind mitbrachte, hatten mit dem Grand Prix gar nichts zu tun. Er war zwar stolz auf seinen Sieg, hat aber später mit dem Wettbewerb abgeschlossen, weil er die musikalische Entwicklung zunehmend mühsam fand. Man muss natürlich vorsichtig sein:

Der ESC war sein Türöffner, und den will man nicht schlechtreden. Aber man muss auch ehrlich bleiben – vieles war uns schlicht zu trashig, auch wenn es immer wieder tolle Ausreißer gibt. Zudem haben wir meistens alle selbst gearbeitet, wenn die Show lief. Ich kann mich mal an einen Urlaub in Portugal erinnern, da haben wir uns an diesem ESC-Abend alle Pizza bestellt und uns vor den Fernseher gesetzt. Es war aber definitiv kein jährliches Familienritual.

Das Interview führte MARTINA MACK für Sony Music

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