MARINA MARX: Schlagerprofis-Rezension „Der geilste Fehler“ 2

Marina Marx Der geilste Fehler

Dauerbrenner „One Night Stand“

Nach ersten musikalischen Schritten bei der Castingshow „The Voice Of Germany“, wandte sich MARINA MARX 2018 erstmals dem Schlager zu, indem sie sehr erfolgreich als Support bei der Tour der Schlagerboyband FEUERHERZ mitwirkte. Im Frühjahr 2019 war es dann soweit: Bei Ariola / Sony Music erschien MARINAs Debutsingle „One Night Stand“. Von Anfang an war das Konzept klar – Zitat aus dem damaligen Promotext: „Für MARINA ist der Mix aus Rock und Schlager kein Widerspruch“.

Debutsong „One Night Stand“ schlägt ein

Und so war dann klar, dass der „One Night Stand“ genau in diese Richtung gehen musste. Der Song zog viel Aufmerksamkeit auf sich, die Sängerin absolvierte damit diverse TV-Auftritte, bis hin zu den „Schlagerchampions“, was natürlich totaaaaal „überraschend“ war. Viele Schlagerfans wurden so auf die „Röhre“ MARINAs aufmerksam (, wobei niemand weiß, ob das auch live so funktioniert – es sind ja alle TV-Auftritte Vollplayback). Offensichtlich hat sie einen Nerv getroffen mit der Überlegung, ob es ein „One Night Stand“ war, oder doch „mehr“ dahintersteckte. Wie bei vielen anderen Titeln, stecken auch hinter diesem Song autobiografische Angaben. Interviews zufolge hat sie einen Mann kennengelernt, der „lieb und hübsch“ war und sie „eine Erfahrung reicher“ war – allerdings betont MARINA MARX auch immer, „eigentlich“ kein One-Night-Stand-Typ zu sein.

„Komm in mir“ oder „Komm mit mir“?

Mit „Bisschen mehr als Freundschaft“ geht MARINA dann recht weit. Spätestens bei der Zeile „komm in mir“ horcht der gemeine Schlagerfan auf. Okay – im Booklet zur CD steht „komm mit(!) mir“, aber wer nicht komplett taub ist, hört, was sie wirklich singt. SARAH CONNOR hat es authentisch vorgemacht mit Liedern wie „Kommst du mit ihr“. Der Song ist definitiv eine rockige Nummer, die so richtig nach vorne geht: „Unsere Blicke treffen sich – heute nicht nur zufällig“. Heute ist es wohl Mode, solche Schüttelreime zu veröffentlichen – so richtig qualitativ hochwertig finden wir das nicht unbedingt… sorry…

Autobiografischer RĂĽckblick auf erste groĂźe Liebe

„Den ersten letzten Kuss“ ist ein Lied, das erneut autobiografische Züge aufweist. In mehreren Interviews hat MARINA MARX betont, dass der Song einer ehemaligen großen Liebe gewidmet ist, an die sie noch immer gerne zurückdenkt, auch wenn das nun beendet ist. Ein Song, der nicht nur bei den Zuhörern, sondern auch bei den Zuschauern für Gänsehaut-Momente sorgt. Ungewöhnlich, für eine vergangene Liebe ein „Dankeschön“ zu sagen, so wie es UDO JÜRGENS 1966 in „Merci Cherie“ tat: Ein nachträgliches Dankeschön für eine tolle gemeinsame, aber vergangene Zeit. („Ich Idiot hab nie Danke gesagt“).

Ein Herz fĂĽr Bad Boys

Die zweite Single und der Titelsong des Albums handelt von MARINAs Männertyp: „Bad Boys“. Auch wenn es nachträglich nicht von Dauer war, bereut sie ihn nicht, den „geilsten Fehler“ und kommt zum Schluss „ich wĂĽrd’s wieder tun“. Echten Fans ist der Titel schon länger bekannt, weil MARINA MARX den Song bereits 2018 auf der FEUERHERZ-Tour gesungen hat. Premiere feierte das Lied in der SILBEREISEN-Show „Schlager, Stars & Sterne“. Obwohl die Show 195 Minuten lang war, „musste“ man leider die Bridge am Ende des Liedes kĂĽrzen – sonst hätte womöglich GIOVANNI ZARRELLA keine zwei Lieder singen können… – trotzdem bedankt auch MARINA MARX (wie SARAH ZUCKER) sich artig in ihrem Booklet („Danke an FLORIAN SILBEREISEN und das gesamte Team von JĂśRGENS TV. Danke – fĂĽr Eure UnterstĂĽtzung und dass ihr mich so herzlich in die Schlagerfamilie aufgenommen habt“.).

Ballade weiĂź zu ĂĽberzeugen

MARINA MARX „kann auch Ballade“, eine schöne Midtemponummer ist „Ich glaub’, ich hab’ noch nie geliebt“. Trotzdem wird sie recht deutlich in dem Song: „Lass es uns wieder tun, Deine Blicke ziehen mich an und aus“ – eine geradlinige Sprache benutzt die blonde Interpretin und kommt auf den Punkt und macht ihrem rockigen Image damit alle Ehre.

„Fahr zur Hölle“ – Rockschlager pur

Mit „Fahr zur Hölle“ zeigt MARINA MARX, warum ihre Musik gerne „Rockschlager“ genannt wird. Sie muss sich hinter BONNIE TYLER nicht verstecken. „Fahr zur Hölle – aber nimm mich mit“ ist ein weiterer Song, in dem die Sängerin aus der Nähe von Ulm klar betont, dass sie „Bad Boys“ liebt („Baby geh doch, geh doch – geh mit mir heute Nacht – mmmh“ – so heißt es im Text) und dabei auch vor Worten wie „Verdammt, ich liebe dich“ nicht zurückschrickt. Übrigens ist MARINA ziemlich exakt genau so alt wie der (fast) gleichnamige Klassiker von MATTHIAS REIM.

WOLFGANG-PETRY lässt grüßen

Ein typisches Liebeslied ist „Chronisch“, bei dem die prägnante Adaption des WOLFGANG-PETRY-Gitarrensounds besonders deutlich zum Ausdruck kommt. Ungewöhnlich: Im Dreivierteltakt legt MARINA MARX mit „Uns gehört diese Nacht“ einen weiteren schlageresken Song nach, wobei es erneut auch klar in den „Süden meines Herzens“ geht – ein Bild, das bekanntlich auch STEFAN WAGGERSHAUSEN schon einmal gebracht hat.

Auch kurze Beine können schön sein…

Ein Wortspiel in „LĂĽgen haben lange Beine“ ist „können beste Feinde bleiben“. In dem Lied geht es um einen „Ex“, der MARINA das Blaue vom Himmel versprach – in Wahrheit aber mit einer langbeinigen Dame neu liiert war (Marina selbst ist ĂĽbrigens 158 cm groĂź, da schmerzt so etwas vielleicht doppelt. Wobei es nicht immer auf die Größe ankommt… – dass MARINA MARX sich sehen lassen kann, hat sie ja bei FLORIAN SILBEREISEN bewiesen. Und die blonde HELENE FISCHER misst auch nur 158 cm…).

„Es tut so scheiĂź weh“

„Es tut so scheiß scheiß weh“ – „Wenn ich deine Bilder seh“ – das ist die Wortwahl MARINA MARX’ in einer traurigen Ballade, in der sie auf eine vergangene Beziehung zurückblickt. Auch wenn „Zeit alle Wunden heilt“, ist da eine Gänsehaut, die aufkommt, wenn die Fotos des Verflossenen angesehen werden – „ganz egal, wie viel Zeit verstreicht“. Eine schöne Ballade, die schon eine gewisse Vielseitigkeit der Rockröhre MARINA MARX aufzeigt. Imposant auch der Tonartenwechsel um einen Halbton und die wörtliche Steigerung („es tut scheiße weh“ statt „scheiß weh“) – eine Hymne, die vielleicht auch für einen ESC-Titel passen könnte, wobei man dort ja immer noch live singen müsste…

Auch eine starke Kämpferin kann Schwäche zeigen

In „Egal, wie stark ich bin“ geht es darum, dass auch starke, emanzipierte Frauen eine Schwäche für Männer haben – vermutlich für die „Bad Boys“. In Interviews betont MARINA immer, eine Kämpferin zu sein, sie kämpfe wie ein Löwe. Gerne wäre sie Polizistin geworden, war dafür aber 2 cm zu klein. Ein bisschen im BON JOVI-Sound gehalten, zeigt MARINA in dem Song den Widerspruch zwischen eigener Stärke und vorhandenen Gefühlen auf.

Stadionhymne

Die Plattenfirma sagt, „Wir leben live“ sei eine Stadionhymne. Wenn Marina nicht nur live leben, sondern sogar auch singen würde (könnte), wäre es perfekt. In dem Lied geht es darum, jeden Moment bewusst zu erleben und „im Jetzt“ zu leben, ohne zu sehr nur Zukunftspläne zu schmieden („lass uns unvernünftig bleiben“). Die tickende Uhr im Arrangement unterstreicht diese Gedanken.

Rockschlager-Nische gut ausgefĂĽllt

Mit „Der geilste Fehler“ legt MARINA MARX ein Album vor, das in eine vermeintliche Nische stößt, nämlich die des weiblichen Rockschlagers, wobei man sagen muss, dass CHRISTIN STARK, die ebenfalls bei Ariola unter Vertrag ist, dieses Feld auch bereits besetzt hat. Mit „Der geilste Fehler“ hat MARINA MARX ein stimmiges Album vorgelegt – aus einem Guss, das authentisch wirkt, auch wenn MARINA wohl nicht wirklich zu gewissen expliziten Textsequenzen steht („Komm in mir“ singt sie, im Booklet steht „Komm mit mir“) – warum eigentlich nicht?

Der ‚ungeilste‘ Fehler des Albums…

Der ungeilste Fehler des Albums ist aus musikalischer Sicht ein Punkt: Kontinuierlich fehlen die Chöre, das zieht sich durch das ganze Album. Bei Liedern wie „Ich glaub, ich hab noch nie geliebt“ fehlt eine 3-Satz-Chorwand richtig schmerzlich, dann würde der Song so richtig „brettern“. Wir fragen uns, warum das so ist? Bestehen Bedenken, dass der Chor der Stimmpräsenz der Rockröhre etwas wegnimmt? Wir finden: Da wäre noch mehr drin gewesen.

Bereicherung fĂĽr die Schlagerszene

Dennoch ist das Debutalbum von MARINA MARX eine echte Bereicherung für die Schlagerszene. Der Erfolg gibt ihr recht: Platz 25 in den Charts, noch dazu in sehr prominentem Umfeld, das ist aller Ehren wert. Plattenfirmen-Kollegin MARIE REIM holte z. B. „nur“ einen 54. Platz – und war auch nur eine Woche in den Charts. Wir drücken MARINA MARX die Daumen, dass sie sich etwas länger halten kann…

 

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2 Kommentare

  1. Auch wenn Sarah Connor zwar Marianne mit zweitem Namen heiĂźt, ist sie kein Vornamensgenossin von Marina.

    Und wieder der Diss auf die vermeintlich schlecht gemachten Reime, obwohl das wahrscheinlich in Marinas Zielgruppe niemanden jucken wird. Genauso wie die Andrea Berg Fans den falsch benutzten Dativ „wegen dem Problem“ in „Hallo Houston“ bemerkten. Das Schlager-Handwerk entwickelt sich weiter. Sonst wĂĽrden wir heute noch mit Orchester arrangieren.
    Für mich sind es jedenfalls keine Schüttelreime. Texte sind beim Schlager ja eh eher sekundär, wenn die Melodie gut ins Ohr geht. Ich freue mich jedenfalls, dass der eingängige Feuerherz-Sound weiterlebt.

    Das mit der gekürzten Bridge in der Silbereisen-Show habe ich auch nicht verstanden, auf die 30 Sekunden wäre es jetzt auch nicht mehr angekommen.

    Die Chöre fehlen in der Tat. Zumindest im Remix von „One Night Stand“ sind sie gut zu hören.

  2. Was das Thema „Vornamensgenossin“ angeht – sorry, da war ich wohl noch bei der vorhergehenden Rezension, stimmt, ist korrigiert.

    Was die Texte angeht – ob es Schlagerfans allgemein stört oder nicht oder ob es kommerziell egal ist – ich finde, das ist nicht Gegenstand einer Rezension. Ein Howard Carpendale könnte es machen wie Florian Silbereisen und seine Konzerte im Halbplayback abhalten und dabei nur „Deine Spuren im Sand“ und „Hello Again“ singen. Das ist aber nicht sein Anspruch. Ein Florian Silbereisen scheint diesen kĂĽnstlerischen Anspruch nicht zu haben, ein Howard Carpendale (beispielsweise) schon.

    Will sagen: Auch wenn es 99 Prozent der Fanbase nicht interessiert, dass sich bei vielen der Texte handwerklich die FuĂźnägel hochrollen, sind das genau die 99 Prozent, die sich vermutlich auch nicht fĂĽr eine Rezension interessieren. Darin solle es dann aber durchaus zumindest „auch“ um so etwas wie „kĂĽnstlerischen Anspruch“ bzw. „Wertigkeit“ gehen. Und da sind wir ja insgesamt sehr wohlwollend – nur manche Texte wirken da einfach so, als wollte man möglichst schnell fertig werden, was vielleicht auch typisch ist fĂĽr die heutigen Songwriterteams, bei dem ja niemand wirklich richtig verantwortlich ist. Vielleicht gab es bei Leuten wie Fred Jay, Kurt Hertha und wie sie alle hieĂźen SOLCHE Texte eben nicht, weil sie alleine und nicht drölfundfĂĽnfzig Textdichter den Hut aufhatten…

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