Gastkommentar: „Schlager des Monats“ – Der deutsche Schlager: „Einerlei oder Abwechslung und Innovation?“ Kommentare deaktiviert für Gastkommentar: „Schlager des Monats“ – Der deutsche Schlager: „Einerlei oder Abwechslung und Innovation?“

Schlager des Monats

Kolumne von THOMAS KAISER

Unser Kolumnist THOMAS KAISER hat sich vorgestern die von Schlagertitan BERNHARD BRINK moderierten „Schlager des Monats“ angesehen und spontan dazu einen Text geschrieben, weil ihm eine gewisse Einfalt der aktuellen Schlagerproduktionen aufgefallen ist. Gerne stellen wir seine Betrachtungen hier zur Diskussion:

Dilemma in der Schlagerszene

BERNHARD BRINK präsentierte wie immer am ersten Freitag des Monats die aktuellen Schlagercharts. Die vorgestrige Ausgabe zeigte nach meinem Empfinden unabhängig von der Corona-Krise das Dilemma, in welchem sich die deutschsprachige Schlagerszene zurzeit befindet.

Eintönige Produktionen

Los ging es mit den GRUBERTALERN auf Platz 49 mit „Warum haben wir’s nicht längst getan“. Darauf folgten FANTASY mit ihrem neuen Video zu dem Lied „Tretboot“. An den GRUBERTALERN und FANTASY ist zu hören, dass immer nur Effekte und Arrangements im Vordergrund stehen. Dazu kommt, dass der Rhythmus und die Beats immer nur aus einem Muster bestehen. Ein ewiges „Bum, Bum, Bum“. Dies erklingt mal stärker und mal weniger stärker ausgeprägt. Das Tempo variiert auch nur zwischen schnell und langsamer.

Fließbandarbeit statt innovativer Ideenvielfalt

Auch die AMIGOS oder DANIELA ALFINITO bringen nichts Neues und Innovatives hervor. Das demnächst erscheinende Album „Tausend Träume“ der AMIGOS klingt wie eine Kopie der vorangegangenen Alben. Bei DANIELA ALFINITO ist es dasselbe, sie klingt wie eine Kopie der Amigos. Diese Ideenlosigkeit in den Kompositionen und der Umsetzung liegt vielleicht daran, dass viele Schlagerkünstler ihre Alben in zu kurzen Abständen veröffentlichen. Zwischen den neuen Alben der AMIGOS und von FANTASY und den Vorgängeralben liegt gerade mal ca. ein Jahr. Das sieht nach Fließbandarbeit und nicht nach wirklichem Komponieren und Arrangieren aus. Alles wird nach einem Schema abgearbeitet. Sämtliche Innovation wird dadurch im Keim erstickt. Ein entstehendes Album braucht auch die Zeit um zu reifen. Schnell, schnell ist hier fehl am Platz.

Vorbild HELENE FISCHER

Den Komponisten, Produzenten und den Künstlern selber scheinen aber auch in der Gesamtheit die Ideen und Möglichkeiten und die Raffinesse abhanden gekommen zu sein. Vielleicht lässt sich dadurch auch das Fehlen von echten Instrumenten erklären. Kein Orchester, kein Klavier, kein Flügel, keine Trompeten, keine Posaunen oder ein Saxophon kommen zum Einsatz. Als Vorbild dient hier HELENE FISCHER. Sie hat in der Vergangenheit gezeigt, dass man es auch anders machen kann.

Rhythmus und Effekte statt Melodie und Harmonie

Darüber hinaus scheinen zwei weitere wichtige Mittel, die wichtigsten Merkmale überhaupt, nicht mehr präsent zu sein. Die Melodien und Harmonien. Sie sollten gerade in der Schlagermusik im Vordergrund stehen. Dies ist leider nicht der Fall. Die Rhythmen und Effekte haben absolut die Oberhand gewonnen.

Kritik an Superstars wird als Gotteslästerung empfunden

Auch bei ROLAND KAISER zeigt sich ein ähnliches Bild. Die Single „Lang nicht mehr gemacht“ kann nur im Refrain überzeugen. In der Strophe fällt sofort auch das viel zu dominante Schlagzeug auf. Richtige Melodien sucht man vergeblich. Finalisiert wird das dann durch THOMAS ANDERS und FLORIAN SILBEREISEN auf Platz 1. Es ist erstaunlich, drei Songs und Videos in Folge zu veröffentlichen die fast alle gleich klingen, keine Vielfalt bieten. Kritik wird zurückgehalten. Vielleicht, weil man sich sonst der Gefahr aussetzt, Gotteslästerung zu betreiben. Nach dem Motto: „THOMAS ANDERS und FLORIAN SILBEREISEN darf man nicht kritisieren. Sie machen immer alles richtig.“ Die Schlagerprofis-Kritik zu dem Duett-Album kann man HIER nachlesen.

Mut zum Retrosound erwünscht

Auch weitere gezeigte Songs von VANESSA MAI oder DJ HERZBEAT / SONIA LIEBING kommen über Rhythmus und Beats nicht hinaus. Der einzige, der aus dem Rahmen fällt, ist RAMON ROSELLY. Sein Album hat einen starken 70er-Jahre-Einschlag, was in meinen Augen der Schlagerszene sehr gut tut. Vielleicht sollten sich alle in der Schlagerszene-Tätigen daran ein Beispiel nehmen und doch mehr Retro-Feeling zutrauen.

Videos wissen nicht zu überzeugen

Enttäuscht hat mich auch ein wenig das neue Video von MARIANNE ROSENBERG zu „Hallo mein Freund“. Ihre Outfits sind der Knaller, das bekommt nur sie so hin. Aber warum bitte wird die Fahrt mit dem Auto so unecht, so künstlich dargestellt. Auch das Video von FANTASY wirkt absolut konstruiert, fast schon dilettantisch. MARIANNE ROSENBERG und FANTASY können das viel besser. Wahrscheinlich hat hier Corona seine Hände mit im Spiel. 

Noch ein paar Worte zu der Sendung selber:

Schade, dass man die neuen Lieder von MAXIMILIAN ARLAND, JENS BOGNER, welcher mir unbekannt ist, und NORMAN LANGEN nur im Schnelldurchlauf präsentiert hat. Gerade MAXIMILIAN ARLAND und NORMAN LANGEN hätten in der Szene viel mehr Aufmerksamkeit verdient. Warum wurde der Geburtstag von BEATRICE EGLI nicht bei den Schlagergeburtstagen erwähnt, sondern nur so nebenbei in der Sparte „Klatsch und Tratsch“? Merkwürdig…

Schlagerprofessor Dr. GILOTH?

Kurios, dass Herr Dr. MATHIAS GILOTH (GfK) von Bernhard Brink auf den Thron des „Schlagerprofessors“ gehoben wurde. Herr Dr. GILOTH steht demzufolge also für das gesamte Weltwissen des deutschen Schlagers, der deutschen Musik überhaupt. GILOTH  entkräftete das ganze aber sofort mit Gegenworten.

Störende Einblendung am Bildrand

Warum wird am Ende der Sendung nicht ein Band am unteren Rand durchgezogen. Die bis jetzt übliche Einblendung nimmt einem zu gut 1/3 die Sicht auf das Video. Sehr unglücklich gewählt, das sollte geändert werden.

Ordentliche Quote

Gerne ergänzen wir noch die Einschaltquote der „Juni“-Sendung (Rückblick auf Juni): Mit 12,7 Prozent Marktanteil und 378.000 Zuschauern im MDR-Sendegebiet kann man recht zufrieden sein – und wir finden gut, dass es überhaupt eine einigermaßen „neutrale“ Schlager-Hitparaden-Sendung gibt, in der auch erfolgreiche Acts wie die SCHLAGERPILOTEN gespielt werden, die ja in den großen TV-Shows erstaunlicherweise (noch) nicht gespielt werden.

Kolumne: Thomas Kaiser

Bild: MDR/fmp/Evelyn Sander

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SCHLAGERKIDS: Pünktlich zu den Schlagerchampions kommt am 26. Februar 2021 ihre Debut-CD „Vol. 1“ 0

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TV-Premiere bei FLORIAN SILBEREISEN

Als wir kürzlich als erstes Schlagerportal die „Kinder-Schlagerband“ „SCHLAGERKIDS“ vorgestellt haben, haben wir orakelt, dass die TV-Premiere nur bei den „Schlagerchampions“ von FLORIAN SILBEREISEN stattfinden wird. Und siehe da: Die „Schlagerchampions“ finden am 27. Februar statt – darüber haben wir HIER berichtet. Nur einen Tag vorher dürfen wir uns auf die Debut-CD „Vol. 1“ von den SCHLAGERKIDS freuen: am 26.02.2021 erscheint „Vol. 1 – Schlager neu gesungen von Kids für die ganze Familie“.

„Erste Kinder-Schlager-Grupppe“?

Im hier und da im Netz zu findenden Werbetext ist die Rede von der „erste Kinder-Schlager-Gruppe – 4 Kids im Alter zwischen 12 und 14 Jahren“. Schlagerkenner wissen natürlich, dass das genau so ein Blödsinn ist wie die Behauptung, FEUERHERZ sei die erste Schlager-Boyband. Zur Erinnerung – wir schrieben es auch schon in unserem ersten Artikel über die SCHLGERKIDS: Es gab mal eine Kindergruppe namens „PONY„, die sich u. a. aus den „SONNTAGSKINDERN“ rekrutierte. Prominentes Mitglied dieser Gruppe war ANKE ENGELKE. Die Kinder sangen damals LIVE in der ZDF-Hitparade ihren Song „Das Lied von Manuel“. Auch wenn die Kinder seinerzeit nicht von „The Voice“ rekrutiert wurden, haben sie ihr Talent zum Livegesang damals unter Beweis gestellt.

Auch HELENE FISCHER wird gecovert

Neben den exklusiv von uns genannten Songs des Debutalbums ist auch ein HELENE-FISCHER-Song zu finden: Die Schlagerkids haben sich hier für den „Schlager-Klassiker“(?) „Phänomen“ entschieden. Wir sind gespannt auf das Ergebnis…

BAYERN PLUS wird zu BR SCHLAGER – eine gewaltige Mogelpackung? 1

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Aus „Bayern Plus“ wird „BR Schlager“ – eine gute Nachricht?

Also erst mal hört sich das ja alles wirklich gut an. Der digitale Radiosender BR Plus, den der Bayerische Rundfunk etabliert hat und damit den Schlager aus der (zumindest derzeit) noch vielen Autoradios verbannt hat, hat sich dem deutschen Schlager verschrieben – für Schlagerfans eine gute Nachricht.

ROLAND KAISER

ROLAND KAISER sagt begeistert, dass er „stolz darauf“ sei, dass der BR sein Programm umbenennt und damit „Flagge zeigt“ – so der Grandsigneur des deutschen Schlagers. Auch JULIAN REIM „freut sich“ und „freut sich über diese Veränderung“ – auch er liest nicht das „Kleingedruckte“. Auch die Lebensgefährtin seines Vaters, CHRISTIN STARK, freut sich. SEMINO ROSSI ist auch begeistert und freut sich auf einen Liveauftritt. Aber zeigt „BR Schlager“ wirklich Flagge?

Fatale Erinnerung an WDR4

Der Radiosender WDR4 hat es vor knapp 10 Jahren vorgemacht. Im Jahr 2011 kam man auf die „tolle“ Idee, die internationalen Oldies deutlich hervorzuheben. Schon damals wurden etwa 50 Prozent internationale Oldies gespielt. Mit Schlagern wurde der Sender zum erfolgreichsten Sender Deutschlands – das war den Alt-68ern natürlich ein Dorn im Auge, und so startete man nach und nach einen „Relaunch“. Immerhin dauerte es noch etwa drei Jahre, bis WDR4 zu dem heutigen Oldie-Dudelsender verkommen ist. Bemerkenswert: Auch in Corona-Zeiten gibt es null Solidarität mit deutschen Musikern – auch aktuell wandern die Tantiemen lieber ins Ausland.

Das „Kleingedruckte“ bei BR Schlager

Der Bayrische Rundfunk geht da cleverer vor als WDR4, das allerdings zugegeben mit der Verbannung des Schlagers dennoch erfolgreich ist und sich einen Teufel um die deutschsprachige Musikszene schert. BR Schlager – das klingt nach Aufwertung. Wer ins „Kleingedruckte“ schaut, entdeckt, was WIRKLICH angedacht ist. Warum andere Schlagerportale sich das nicht ansehen, ist uns ein Rätsel.

„Mehr englischsprachige Evergreens“

Ganz offensichtlich reicht es nicht, wenn die traditionellen Frequenzen von internationalen Oldies blockiert werden. Mit stolz geschwellter Brust kündigt man bei „BR Schlager“ an, künftig mehr internationale Oldies zu spielen. Also genau das zu tun, was zum Untergang des wichtigsten Schlagersenders überhaupt geführt hat. Wir zitieren wortgetreu – siehe HIER:

Mehr englischsprachige Evergreens

Bei der musikalischen Ausrichtung werden künftig noch stärker alle Facetten des Schlagers präsentiert. Ergebnisse der Medienforschung haben gezeigt, dass sich die Hörerinnen und Hörer neben aktuellen Schlagerhits und deutschen Schlagerklassikern auch mehr englischsprachige Evergreens wünschen. Zudem werden auch weiterhin Schlagertalente und Newcomer ganz gezielt gefördert und auf ihrem Weg begleitet.

Werden Schlagerfans verarscht?

Man könnte es auf diese Formel bringen: „Name ändern, was anderes suggerieren und wiederum das Gegenteil machen.“ – Wie gesagt: Dumm ist das nicht – im Gegenteil, es ist schlau. Man suggeriert den Schlagerfans dass ab sofort auch BEATLES, ABBA, HARPO und Konsorten laufen und das „Schlager“ sei. Genau so wie FLORIAN SILBEREISEN u. a. die KELLY FAMILY und BONNIE TYLER als „Schlagerstars“ präsentiert.

Datenbanken werden diffus zitiert

Der WDR blickte kürzlich zurück auf die letzte ZDF-Hitparade und stellte fest, dass die Menschen immer weniger Schlager hören wollen. Die Datenbank „Statista“ gebe das her. Und in der Tat: Zwischen 2016 und 2020 scheint die Popularität des Schlagers in sehr kleinem Umfang abgenommen zu haben. Aber: Der deutsche Schlager zählt immer noch zu den beliebtesten Musikrichtungen Deutschlands, wenn man der Datenbank Glauben schenken darf – siehe HIER. Demzufolge ist der Schlager die drittbeliebteste Musikrichtung der Deutschen. Beim WDR nicht zu hören.. – noch Fragen?

Ein Hoch auf SWR4

Auch wenn die neue TV-Show „SWR Schlager – die Show“ in den letzten Wochen recht „totgeschwiegen“ wurde, kann man dem Radiosender SWR4 nicht dankbar genug sein, diese komischen Wege, internationale Oldies als „Schlager“ zu bezeichnen und damit die Schlagerfans zu begeistern, eben NICHT zu gehen. Man kann diesem Sender mit „Arsch in der Hose“ nicht dankbar genug sein, als einziger Sender seine Hörer ernst zu nehmen. Mit anderen Worten: DANKE, SWR4!!!