Gabi Delgado (DAF) verstorben – ein Nachruf von Rudi Esch Kommentare deaktiviert fĂĽr Gabi Delgado (DAF) verstorben – ein Nachruf von Rudi Esch

gabi delgado copyright george nicolaidis

Der Musiker Gabi Delgado, Teil der bedeutenden Gruppe „Deutsch-Amerikanische Freundschaft“ (DAF) ist am 22. März verstorben. Rudi Esch hat uns dankenswerterweise seinen Nachruf auf diesen bemerkenswerten Musiker zur VerfĂĽgung gestellt, den wir hier gerne bringen, auch wenn Gabi jetzt nicht unbedingt fĂĽr das Schlager-Genre stand, aber doch einen Meilenstein der deutschen Musikgeschichte markierte:

Der Mann, der frĂĽh die frevlerische Devise Verschwende Deine Jugend ausgab, ist vollkommen ĂĽberraschend verstorben. Er scheint sich nicht fĂĽrs Alter aufbewahrt zu haben, sondern hat strikt seinen eigenen Aufruf gelebt. Gabi Delgado hat die Verschwendung geliebt; er sagte kĂĽrzlich noch, dass nicht Geiz sondern Verschwendung geil sei. So lief er zu seinen besten Zeiten mit Bargeld in einer Aldi-PlastiktĂĽte herum und war erst zufrieden, als alles ausgegeben war. Es ist schwer zu glauben, dass dieser das Leben liebende Mensch nun tot sein soll.

Kindheit in Wuppertal – Erlernen der deutschen Sprache

Gabriel Delgado-López tauschte achtjährig das heimische Córdoba gegen ein beschauliches Wuppertal. Sein Vater versuchte fernab des Franco-Regimes eine Existenz für Gabi, seinen Bruder Eduardo und seine Schwestern zu sichern. Das Gastarbeiterleben der ausgehenden Sechzigerjahre versprach einen Neuanfang, der mit dem schalen Beigeschmack der Isolation einherging. Gabi lernte sein wichtigstes Instrument: die Deutsche Sprache. Er war fasziniert von den Ausdrucksmöglichkeiten und dem harschen Klang der neuen Sprache. Er liebte es, mit Worten umzugehen, und spürte, dass er seine Identität bestimmen und wechseln konnte, wenn er nur die Worte geschickt genug wählte. Ein Spiel mit Bildern und Figuren, die allesamt nur seiner Phantasie entsprangen.

Erste musikalische EinflĂĽsse: Giorgio Moroder und Donna Summer

Mit achtzehn rannte er die hedonistischen Diskotheken der Düsseldorfer Königsallee ab und hatte sein musikalisches Erweckungserlebnis zu dem Song I Feel Love von Donna Summer. Hierzu hatte Giorgio Moroder in Überlänge eine präzise, wie repetitive Soundcollage gebastelt, die mit Donnas überbordender weiblicher Erotik kontrastierte. Diese Mischung aus Sequenzern und Sex sollte Gabi sein Leben lang im Bann halten und die DNA von DAF vorgeben. Er sagte: »Als Teenager in der Disko hat mich das schon sehr beindruckt: I Feel Love. Da war nur Elektronik, also eine Sequenz, und das Gestöhne von Donna Summer. Sex und Elektronik – das war in meinem Kopf damals schon die göttlichste Verbindung.«

Anfänge der „Deutsch Amerikanischen Freundschaft“

Ein Jahr später entdeckte Gabi den Ratinger Hof und gehörte fortan zum Inner Circle einer neuen Bewegung. In den Jahren 1978 bis 82 wurde dann so viel Geschichte gemacht, dass es für ein ganzes Leben reichte. Hier entstand das Neue Testament des Deutschen Punk; basierend auf freigeistigen und anarchischen Strukturen. Angerührt aus einer Mischung aus Sex Pistols und Joseph Beuys, entstand in den Wirren der Frühzeit die Deutsch Amerikanische Freundschaft. Ein Wuppertaler Quintett, das sich über den Umweg London zum Duo Gabi Delgado / Robert Görl zurecht schrumpfen sollte. Beide hatten ein Faible für militaristische Kleidung und Kurzhaarfrisuren. Beide hatten eine Vorliebe für Schweiß, Erotik und das Musizieren mit Maschinen, die sich laut eigener Aussage nicht den Luxus einer eigenen Meinung leisteten. Gabi und Robert spielten und lebten ihr homophiles Image und wollten nun nur noch den Befehlen folgen, die sie sich selbst gegeben hatten.

Durchbruch in Bio’s Bahnhof und „Der Räuber und der Prinz“

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Schnell führte der Weg zurück nach Deutschland in das Studio von Conny Plank und in die Fernsehsendung Bio’s Bahnhof. Hier verzauberten sie zuerst Alfred Biolek und dann die ganze BRD als Der Räuber und der Prinz. Gabi provozierte als martialischer Tanzlehrer, der dazu aufforderte, sowohl Mussolini, Hitler und Jesus Christus als auch den Kommunismus tänzerisch darzustellen. Es war der Sommer 81, den Robert Görl und Gabi Delgado für solch elektrisierende Fernsehauftritte und atemberaubende Liveshows nutzten. In einer zart neugewellten Republik forderten sie Schluss zu machen mit alten Zöpfen; hier wurde das Neue an der Welle mehrfach proklamiert und herausgeschrien, ohne es erklärt oder zuvor angekündigt zu haben.

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Es folgte die konsequente methodische Umsetzung einer erarbeiteten Theorie. Einfache Authentizität und keine doppelten Böden. Hier wurde der Aufstand geprobt und auf die Bühne gebracht. Ein Aufbruch, der nicht demokratisch war; der gefährlich aussah und die bestehenden kulturellen Strukturen aus den Angeln heben sollte. Eine populäre Bewegung, die schön und jung und stark sein wollte, um die Jugend bedingungslos in ihren Bann zu ziehen. Wer jung ist lebt für den Moment und will sich verschwenden, hier kamen DAF behände zur Hilfe. Mit mächtigen, bösen Sequenzerlinien und dadaistischen Wortschöpfungen, die jeden Geschichtslehrer nach Luft schnappen ließen. Ja, genau das gefiel daran. Gabi führte ein Leben im Imperativ. Mit kurzen, knappen und martialischen Worthülsen forderten DAF den Augenblick, die Wirklichkeit, die dekadente Verschwendung sowie den Griff nach den Sternen. Sie mischten Hitler mit Hintern und Hüften und Mussolini mit Jesus Christus und kamen damit davon in diesem heißen Sommer 81. Einem Sommer, dem sie mehrfach den Grund zu schwitzen lieferten. Sie beanspruchten die Macht und machten dabei alles Als wär’s das letzte Mal.

Leitbild für Körperkult

DAF waren nicht über Nacht erfolgreich geworden, sondern hatten einen langwierigen bandinternen Machtkampf in England hinter sich, der sie nun auf den Olymp führen sollte. Ihnen waren viele Fans gefolgt, die ihre Helden nun gewinnen sehen wollten; ganz wie in einer deutschen Sage. Nur war die Prinzessin hier selbst ein Prinz, und es gab ungewohnte neue Möglichkeiten. Der Räuber und der Prinz, oder wie ihre Fans sagten, der Robert und der Gabi, waren als Leitbild geeignet für einen Körperkult, den es noch gar nicht gab. Ihr Erscheinungsbild verzückte Jungs wie Mädchen. Ihr Spiegelbild verführte sie zu selbstverliebten Posen. Diese neuen Bilder des lustbetonten Popstars, der gleichermaßen nimmt und gibt und zwischen den Geschlechtern nicht mehr unterscheiden braucht. Das war für Photographen ein ungewohntes, ein herausforderndes neues Motiv. Von Anton Corbijn bis zu Sheila Rock rissen sich von nun an alle um exklusive Photosessions mit den beiden. Da ein Bild mehr sagt als tausend Worte, sind im Rückblick diese Bilder der Band aus den frühen Achtzigerjahren, als ein Aufbruch in ein neues Jahrzehnt noch etwas bedeutete, Teil des großen Vermächtnisses von DAF. Die kulturelle Revolution kam also nicht nur in minimalistischen neuen Songstrukturen und Sounds daher, sondern auch in der grafischen Gestaltung und der Auswahl der Bandmotive.

Live fast, die young

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Mit Hilfe von Conny Plank wurden in neunzehn Monaten drei Langspielplatten eingespielt, und Gabi lebte den schnellen Traum von Sex und Drogen; einer deutsch-spanischen Variante des Rock’n’Roll-Credos: Live fast, Die Young. Delgado wandte sich Soloprojekten zu und zog nach Berlin, um dort eine neue Identität während des Technobooms zu leben. Im Gespräch erwähnte er mal, dass er nicht nostalgisch sei und auch keinerlei Kontakte pflege. Er behalte die Personen im Herzen und würde sich freuen, wann immer man sich zufällig sieht; aber er wäre kein verlässlicher Freund im herkömmlichen Sinn. Er freue sich mehr auf das, was noch kommt, und weniger auf das, was schon war. Als ich an einer Bandbiografie für DAF arbeitete, wurde mir dies augenscheinlich klar, da Delgado keinerlei Archiv seiner Arbeiten besaß. Er hatte weder eine Sammlung von Memorabilien noch seine eigenen Schallplatten verwahrt. Auch konnte er sich nicht mehr erinnern, wer den renommierten Deutschen Schallplattenpreis in seinem Namen entgegengenommen hatte und wo er verstauben würde. Der kleine, handschriftlich adressierte Umschlag, der mich aus Córdoba erreichte, enthielt neben ein paar Flyern zu frühen Techno- und House-Veranstaltungen, die er in seiner Wohnung auf der Torstraße gemeinsam mit WestBam ausrichtete, nur ein paar Kinderfotos von Gabis viertem Geburtstag und ein Selfie im spanischen Garten seines Hauses, das als Portraitbild Verwendung finden sollte.

Menschenfreund mit Humor

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Gabi war wegen seiner direkten, unangepassten Art und den geschliffenen Formulierungen eines anarchischen Universalgelehrten ein Gesprächspartner, dem die Themen nicht auszugehen schienen. Er schmeckte den Worten auf der Zunge nach und freute sich über provokante Thesen. Wer ihn kannte weiß, dass nur er seinem Lieblingswort quasi diese fremde, überbedeutungsvolle Aura mitgeben konnte, da er es liebte, deutsche Worte spanisch auszusprechen. Ein exzentrischer Menschenfreund, der seine Kunst und seine Person durchaus distanziert und humorvoll beurteilen konnte. Wahrscheinlich eine der Qualitäten, die man ihm selten zugesteht, war der Humor und der große Spaß, mit dem er zu Werke ging. DAF sind anarchischer Spaß und Gabi ein großer Geschichtenerzähler, der für seine Texte manchmal nur fünfzehn Worte brauchte und Geschichte machte. Good Bye, charmantes Großmaul. Au Revoir, du genialer Spinner. Ich werde dich vermissen.

Rudi Esch im März 2020

Foto: George Nicolaidis

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ANNETT LOUISAN: Ihr Album „Babyblue“ erscheint am 17.02.2023 0

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ANNETT LOUISAN: Neues Album kommt im Februar 2023

Frohe Kunde fĂĽr die Fans: Nach VĂ– der Vorab-Single „Die fabelhafte Welt der Amnesie“ am vergangenen Freitag steht nun das VĂ–-Datum des neuen Albums von ANNETT fest: Am 17. Februar erscheint „Babyblue“ – ein Album fĂĽr Menschen, die „in der Mitte des Lebens stehen“. Wir freuen uns darauf.

Pressetext

Annett Louisan hat ein neues Album aufgenommen. Es trägt den Namen „Babyblue“. „Babyblue“ ist, das wird gleich klar, ein Album ĂĽber den Blues in der Mitte des Lebens und das Ă„lterwerden. Voller Hingabe und Humor, augenzwinkernd und aufrichtig zugleich, erzählt Annett Louisan ĂĽber Angst, aber auch das Annehmen dieses Lebensabschnittes. Vom GlĂĽck und vom UnglĂĽck, wie sich beides bedingt und wie nicht nur Menschen kommen und gehen, sondern auch man selbst. Die erste Vorabsingle daraus – „Die fabelhafte Welt der Amnesie“  wurde letzten Freitag veröffentlicht.

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ROSENSTOLZ: Ăśberraschung: ANNA R. meldet sich mit neuer Single „Hinterm Mond“ zurĂĽck 0

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ROSENSTOLZ-Sängerin ANNA R. überraschend wieder da

Bis heute sind viele Fans des Duos ROSENSTOLZ untröstlich, dass es das Duo (abgesehen vom einen oder anderen kleinen „Lebenszeichen“) nicht mehr gibt. Neben den groĂźartigen Kompositionen von PETER PLATE fehlt natĂĽrlich auch die Stimme von ANNA R., die zwar hier und da bei einigen Projekten wie SILLY und GLEIS 8 mitgewirkt hat, aber deren prägnante Stimme trotzdem manche sehr gerne wieder im typischen ROSENSTOLZ-Stiel hören wĂĽrden.

Der neue Titel erinnert durchaus an die alten Zeiten des Duos, allerdings wurde der von TIMO DORSCH produzierte Song von ANNA, ihrem Produzenten und MANNE UHLIG geschrieben. Besonders spannend finden wir, dass als Label Ariola angegeben wird. Mal sehen, vielleicht wird es ja im Lauf des Freitags weitere Informationen dazu geben…

Update: Pressetext

AnNa R. befindet sich mit ihrer neuen Single „Hinterm Mond“ nach Rosenstolz und Gleis 8 auf der Überholspur

Das Solo-Einstandsalbum „König:In“ erscheint 2023

Wie schreibt man einen Liebesbrief an die popmusikkrönende AnNa R.? Der Kopf will weismachen, dass ihr der Gedanke gerecht wird, nach Rosenstolz, Gleis 8 und Silly bereits alles von ihr zu kennen. Das Gefühl warnt jedoch davor, ihr damit nicht mal ansatzweise gerecht werden zu können. Dieses Empfinden geht noch tiefer, nachdem der letzte Ton ihrer neuen Single „Hinterm Mond“ verklungen ist.

Jawohl, Freundinnen und Freunde des groĂźartigen, sich lĂĽstern-beständig neu erfindenden Luders Popmusik: AnNa R., die Frau, die stimmlich staunendes Mädchen, freche Göre, groĂźe Schwester und sinnliche Baroness gleichzeitig sein kann, also ebenjene vertraute Stimme, die nie weg war, ist zurĂĽck! Sie hat sich zwangsläufig verändert. Ihr Verhältnis zu Liebe, Gesellschaft, Politik und Feminismus ist nuancenreicher geworden. Der Appell ans Verbindende, der ihren Gesang seit jeher prägt, ist geblieben – die Popausrichtung ihrer Musik erst recht.

„Hinterm Mond“, ihre erste richtige Solo-Single, ist ein Manifest ihres gewachsenen Selbstvertrauens und somit unbedingt auch eine Botschaft an all jene von uns, die den ewigen Schwarz-weiß-Denkmustern keine Bedeutung mehr beimessen möchten. „Hinterm Mond“ ist zugleich ein grundoptimistischer Brief an eine Welt, die seit den Tagen, in denen AnNa R. mindestens in Viertelstundentaktung im Radio zu hören war, vollkommen auf den Kopf gestellt worden ist.

Es wäre ihr zu einfach, ja zu plump erschienen, jetzt unter den gegebenen Umständen mit rückwärtsgewandter Musik aufzuwarten. Ihrem vielfältigen und beständig neugierigen Wesen entsprechend, geht es auf „Hinterm Mond“ eindeutig nach vorne. Das Piano ist verzerrt, das Schlagzeug befindet sich auf Überholspur durch einsame Gassen und jubelnde Massen. Unterm Strich ists jedoch egal wohin der Weg führt, „Hauptsache wir sind wieder da!“. „Hinterm Mond“ darf deswegen die liedgewordene, im Brustton der Überzeugung gesungene Standortbeschreibung der Frau sein, die für jeden noch so wohlformulierten Liebesbrief eine Kragenweite zu groß ist.

Nebenbei: „Hinterm Mond“ ist die erste Single-Auskopplung von „König:In“, dem ersten Soloalbum von AnNa R., das zwischen Mitte und Ende des kommenden Jahres erscheinen wird.

Quelle Pressetext: Sony / Ariola

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