HOWARD CARPENDALE: Sein Album „Symphonie meines Lebens“ in der Schlagerprofis-Rezension 1

CD Cover Symphonie meines Lebens Carpendale

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Die Schlagerprofis stehen fĂĽr ehrliche Berichterstattung, bei uns sind auch kritische Töne erlaubt. Dass Howard Carpendale einer der bedeutendsten Sänger des Landes ist und er einer der letzten Interpreten ist, die noch ehrliche handgemachte Musik machen, steht auĂźer Frage. Unser Rezensent Georg Fuchs tut sich etwas schwer mit dem neuen Album der Musiklegende. Seine Meinung begrĂĽndet er durchaus musikwissenschaftlich…

Am 25.10.2019 erschien mit „Symphonie meines Lebens“ eine Werkschau der besonderen Art von Schlagersänger Howard Carpendale: Er nahm seine größten Hits und einige Lieblingslieder gemeinsam mit dem Royal Philharmonic Orchestra in den Londoner Abbey Road Studios auf. Wie es zu diesem Album kam, lässt sich in unserem Interview mit Howard Carpendale nachlesen (siehe HIER).

Das Album beginnt gleich mit Carpendales „Erkennungsmelodie“ „Hello again“ aus dem Jahre 1984. Carpendale zeichnet, neben der kürzlich verstorbenen Schlagertexterin Irma Holder und Joachim Horn-Bernges, als Autor und Komponist verantwortlich und produzierte den Hit ursprünglich mit seinem damaligen Manager Dieter Weidenfeld. Die Arrangeure James Morgan und Juliette Pochin lassen das Lied mit einem Zitat aus Schuberts „Ave, Maria“ beginnen (allerdings in H-Dur anstatt der Originaltonart Bb-Dur), was Klassikfans sicher sauer aufstoßen wird. „Hello again“ steht in der neuen Version in H-Dur, die damalige Studioversion stand in Des-Dur (also deutlich höher). Schon beim ersten Lied zeigt sich die Schwäche dieses Albums: Das großartige Orchester führt mit seinem Klangteppich die Alterung von Carpendales Stimme vor Augen. So werden die ersten Zeilen des Liedes von Carpendale gesprochen, danach übernimmt zunächst der Chor. Carpendale sagte selbst in unserem und anderen Interviews, dass es ihn viel Kraft gekostet habe, gegen ein derart großes Orchester anzusingen. Dies wird mit Echo-Effekten, Filtern und großem Chor zu kaschieren versucht. Dadurch wird der Glanz der Orchesteraufnahme deutlich getrübt. Abgesehen von der Schubert-Einleitung bleibt das Arrangement nahe am Original.

„Unter einem Himmel“ stammt aus dem 2017 veröffentlichten Album „Wenn nicht wir“ und steht in der Originaltonart E-Dur. Der Song erzählt davon, dass die Lebenswelt ein paar Straßen weiter schon ganz anders aussieht. Es werden gegensätzliche Alltagssituationen (das eine Paar streitet, das andere Paar küsst sich) geschildert, aber „das alles passiert unter einem Himmel“. Auch hier wird sich weitgehend an das Originalarrangement gehalten.

Nun folgt Hit auf Hit. Mit „Ti amo“ (1977) bringt Carpendale einen weiteren Klassiker zum Klingen. Im Original in A-Dur, wird das Lied nun deutlich tiefer (F-Dur) gesungen. Hier fällt besonders klar auf, dass Carpendales  Stimme sich stark verändert hat: Gerade diesen Song, der von stimmlicher Intensität lebt, singt Carpendale vergleichsweise kraftlos und ohne das bekannte „Leiden“ in der Stimme. Dies wird von dem großen Begleitchor jedoch gut aufgefangen.

„Wem…“ (1981) erinnert in seinem großen Arrangement an eine James-Bond-Ballade: Furiose Streicher, großer Chor mit Falsettgesang im Refrain. Auch dieser Song wird deutlich tiefer gesungen als im Original (G-Moll anstatt Bb-Moll). 

Ein Highlight des Albums ist „Eine Nacht in New York City“ (2007). Das große Streicherarrangement wertet das Lied enorm auf, Carpendales brüchige Stimme passt gut zur Message des Songs. Hier bleibt der Sänger der Originaltonart (D-Dur) treu.

„Deine Spuren im Sand“ (1975) wurde als Duett mit Patricia Kelly aufgenommen, die in dieser Aufnahme unter ihren Möglichkeiten bleibt und quasi als „bessere Backgroundsängerin“ fungiert. Das Lied wurde nur einen Ganzton tiefer als im Original aufgenommen (F- anstatt G-Dur).

„Nachts, wenn alles schläft“ (1979) steht im Original in E-Dur, 40 Jahre später interpretiert es der Sänger einen Halbton höher (F-Dur). Hier wird er von einem Solobackgroundsänger und großem Chor unterstützt. Das Arrangement erinnert an die Liveversion der letzten Tourneen.

„Es geht um mehr“ (1980) beginnt ganz auf Carpendales Gesang konzentriert, die Streicher stehen im Hintergrund. Im Refrain tritt ein kleiner Männerchor hinzu. Das Lied wird in Fis-Dur gesungen, während es in der Originalfassung in A-Dur aufgenommen wurde.

„Samstag Nacht“ (1984) beginnt mit einer schönen, beschwingten Einleitung, bei der jedoch leider ein Keyboard als Klavierersatz verwendet wurde. Hier holt sich Carpendale die Legende Cliff Richard ins Boot – die Frage ist nur: warum? Seine Stimme klingt noch deutlich brüchiger als die Carpendales. Und warum er ausgerechnet deutsch singen muss, anstatt aus dem Song ein deutsch-englisches Duett zu machen, erschließt sich auch nicht. F-Dur scheint zu Carpendales Lieblingstonart geworden zu sein, denn auch dieses Lied steht anstatt in G-Dur einen Ganzton tiefer.

„Tür an Tür mit Alice“ (1977) ist das erste Lied, bei dem Bläser im Fokus des Arrangements stehen, was Abwechslung in die von Streichern und Chören dominierten Arrangements bringt. Hier wird die Brüchigkeit von Carpendales Stimme wieder besonders deutlich, gerade in den leisen Passagen. Im Refrain wird er von einem großen Chor getragen. Im Original in G-Dur, steht Carpendales Hit nun drei Halbtöne tiefer in E-Dur.

Eine weitere große Bond-Ballade ist „Laura Jane“ (1987), dessen großes Arrangement besonders stimmig wirkt und durch das Orchester enorm aufgewertet wird. Auch die Erniedrigung um einen Ganzton (D-Moll anstatt E-Moll) tut dem Song gut. Ein musikalisch beeindruckender Song, den man sich auch von Adele gesungen vorstellen könnte. Getrübt wird der Eindruck lediglich von den Effekten, die auf Carpendales Stimme gelegt wurden.

„Symphonie meines Lebens“ (2019) ist das einzige neue Lied des Albums und als Dankeschön an sein Publikum gedacht, wie Carpendale in unserem Interview betonte. Es beschreibt den Moment kurz vor Ende seiner Konzerte und lässt den Hörer melancholisch zurück.

Das Royal Philharmonic Orchestra bettet Carpendales Songs dank der Arrangements von James Morgan und Juliette Pochin in einen gewaltigen Klangteppich ein. Alle Songs beginnen mit einer spannenden Einleitung, in den Liedern selbst werden in der Regel jedoch nur die Originalarrangements vom großen Orchester gespielt. Klare Ausnahmen sind jedoch insbesondere „Laura Jane“, „Eine Nacht in New York City“ und „Wem…“. Die Duette mit Patricia Kelly und Cliff Richard können nicht überzeugen, „Samstag Nacht“ muss gar als schwächste Nummer des Albums bezeichnet werden. Insgesamt fällt – verglichen mit den Originalaufnahmen – die Abwärtsentwicklung von Carpendales Stimme auf, die von Echo- und anderen Effekten sowie großem Chor aufgefangen werden muss.

Andererseits zeigt das Album auf, wie viele Hits dieser Künstler in seinen 50 Bühnenjahren hatte. Die neueren Lieder (insbesondere „Eine Nacht in New York City“) beweisen, dass er sich inzwischen auch poppigeren Klängen zuwendet. Eine interessante Best-of-Zusammenstellung der besonderen Art.

Georg Fuchs

 

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